Analyse

Troy Aikman und die Dolphins: Berater ohne Jobbeschreibung

Troy Aikman berät die Miami Dolphins in einer Rolle, die niemand so recht definieren kann. Der Hall-of-Fame-Quarterback saß in der GM- und Head-Coach-Suche, wird beim Draft im War Room sitzen und bleibt gleichzeitig Lead Analyst bei Monday Night Football.

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Mariano Glas

Ein Berater ohne Stellenbeschreibung

Was genau macht Troy Aikman bei den Miami Dolphins? Diese Frage beschäftigt seit Wochen die NFL. Die ehrlichste Antwort kommt von Aikman selbst: „Ich werde weiterhin auf Wegen helfen, die noch definiert werden müssen.“

Das ist eine erstaunliche Aussage für jemanden, der bereits auf den Einstellungskomitees für General Manager Jon-Eric Sullivan und Head Coach Jeff Hafley saß, der beim Draft im War Room der Dolphins Platz nehmen wird und der offen zugibt, seine Fingerabdrücke auf dem gesamten Umbau hinterlassen zu haben.

Aikman steht nicht auf der Gehaltsliste der Dolphins. Er hat keine Eigentümeranteile. Er hat keinen offiziellen Titel jenseits des Worts consultant-nfl. Trotzdem wirkt er wie eine der einflussreichsten Stimmen im Neuaufbau der Franchise.

Wie es dazu kam

Gegen Ende der vergangenen Saison erhielt Aikman nach eigener Aussage einen Anruf „aus dem Nichts“ von Daniel Sillman, dem Schwiegersohn von Dolphins-Besitzer Stephen Ross. Sillman hatte sich umgehört, und Aikmans Name war mehrfach gefallen. Die Anfrage betraf zunächst nur die Suche nach einem neuen General Manager.

Aikman überlegte und sagte zu. Aus der GM-Suche wurde die Head-Coach-Suche. Aus der Head-Coach-Suche wurde eine fortlaufende Beratertätigkeit. Sullivan wurde am 9. Januar eingestellt, Hafley am 19. Januar. Aikman hätte zu diesem Zeitpunkt gehen können. Er blieb.

Der 59-Jährige, der als Quarterback der Dallas Cowboys drei Super Bowls gewann, gibt offen zu, dass ihn diese Rolle persönlich reizt.

Ich glaube, alle Franchise-Quarterbacks, die lange genug in der Liga waren, kommen aus dem Spiel heraus und denken, dass sie ein Team führen könnten. Durch Dinge in meinem Privatleben konnte ich nie die Zeit dafür aufbringen. Aber im Hinterkopf hatte ich immer gehofft, dass sich so etwas ergeben würde.

Die Parallele zu Tom Brady

Der Vergleich mit Tom Brady drängt sich auf. Brady ist Minderheitseigner der Las Vegas Raiders und gleichzeitig TV-Analyst bei Fox. Die NFL hat diese Doppelrolle genehmigt. Aikman sieht Unterschiede zu seiner eigenen Situation: „Ich habe keine Eigentumsanteile. Ich habe nicht den Einfluss, den Tom dort bei den Raiders offenbar hat. Es sieht ähnlich aus, aber ich bin mir nicht sicher, ob es das ist.“

Dennoch wirft Aikmans Konstrukt dieselben Fragen auf. Als Lead Analyst von Monday Night Football bei ESPN trifft er während der Saison regelmäßig Trainer und Spieler anderer Teams, besucht deren Training und erhält Einblicke in Spielvorbereitungen. Dieses Wissen könnte theoretisch nach Miami fließen.

Aikman selbst formuliert das erstaunlich unbefangen: „Ich glaube, die Dolphins waren klug genug zu verstehen, welche Beziehungen ich in der Liga habe, und zu wissen, dass ich Informationen habe, die sie nicht haben oder nicht bekommen können.“

Das ist der Satz, über den die anderen 31 Teams nachdenken sollten. Information, die Miami „nicht bekommen kann“, impliziert einen Vorteil, der aus Aikmans Broadcaster-Zugang entsteht.

Die Frage nach Dan Marino

In Miami gibt es einen eigenen Hall-of-Fame-Quarterback, der seit Jahren als Special Advisor fungiert: Dan Marino. Dass Ross einen externen Berater holte, anstatt Marinos Rolle zu erweitern, sorgte für Gesprächsstoff in Südflorida.

Nach allem, was bekannt ist, hat Marino kein Interesse an einer größeren Rolle. Trotzdem bleibt der optische Eindruck: Der größte Spieler der Franchise-Geschichte wurde übergangen, während ein ehemaliger Rivale aus Dallas die Einstellungskomitees leitete.

Die neue Machtstruktur

Offiziell ist die Hierarchie klar. Sullivan leitet die Footballabteilung, Hafley ist für das Coaching zuständig. In der Praxis scheint sich ein Vierergespann herauszubilden: Sullivan, Hafley, Sillman als Vertreter der Eigentümerfamilie und Aikman als externer Berater mit direktem Draht nach oben.

Hafley bestätigt den Einfluss diplomatisch: „Troy war ein guter Gesprächspartner. Ein Mann, mit dem ich ein paar Mal gesprochen habe. Wir hatten einige wirklich gute Gespräche, und ich werde das fortsetzen.“

Aikman wird beim NFL Draft im War Room der Dolphins sitzen, auch wenn er betont, keine Empfehlungen zu einzelnen Spielern abzugeben. Ob die Grenze zwischen Beratung und Einflussnahme so sauber gezogen werden kann, wird sich zeigen.

Interessenkonflikt oder clevere Nutzung von Ressourcen?

Die NFL hat bislang keine Einwände gegen Aikmans Doppelrolle erhoben. Wenn Brady gleichzeitig Eigentümer und Broadcaster sein darf, ist Aikmans Konstrukt schwer zu verbieten. Doch die Situation ist nicht ohne Risiko.

Aikman selbst hat eine Grenze überschritten, die für Broadcaster normalerweise tabu ist. „Ich drücke den Dolphins die Daumen, weil ich jetzt etwas zu verlieren habe“, sagte er. Ein NFL-Analyst, der öffentlich Partei ergreift, untergräbt die Grundlage seines Berufs. Ob das Publikum ihm noch Neutralität abnimmt, wenn er im Herbst Spiele der Dolphins oder deren AFC-East-Rivalen Buffalo Bills, New England Patriots und New York Jets kommentiert, ist fraglich.

Für die Dolphins ist die Rechnung einfacher. Sie bekommen die Expertise eines Hall of Famers, der durch seine Broadcaster-Karriere ein Netzwerk aufgebaut hat, das kein herkömmlicher Scout oder Berater bieten kann. Aikman vergleicht den Neuaufbau mit einem Haus, das er gerade in Kalifornien renoviert: „Ich weiß alles über das Abstreifen bis auf die Grundmauern, und genau das machen sie in Miami.“

Die Saison 2026 wird zeigen, ob Aikmans undefinierte Rolle ein cleverer Schachzug von Stephen Ross war oder ein Experiment, das mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet. Die anderen 31 Teams werden jedenfalls genau hinschauen, welche Informationen sie mit Aikmans Kamerateam am Spielfeldrand teilen.

Beteiligte Teams

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